Predigt zur Verabschiedung von Dekanin Schäfer

„Kyrie Eleison: Herr, erbarme dich!“

Liebe Festgemeinde!
Auf den Ruf „Kyrie Eleison: Herr, erbarme dich!“ folgt in einem klassisch-liturgischen Gottesdienst wie dem heutigen der Zuspruch der Gnade Gottes und dann das dankbare Lob der Gemeinde.

Dekanin Schäfer predigt ein letztes Mal von der Kanzel.
Bin ich zu früh auf die Kanzel geeilt? Womöglich aufgrund einer gewissen Nervosität? Es ist ja durchaus ein besonderer Gottesdienst für mich.
Keine Sorge! Sie können beruhigt sein. Das ist kein liturgischer Schnitzer, sondern Absicht.
Der Ruf nach Erbarmen bleibt auch heute nicht im leeren Raum hängen. Er findet eine Antwort. Gott sei Dank.
Denn: Gnade ist nicht nur ein Wort!
„Gnade ist wie ein Raum, in dem man atmen, sich bewegen, lachen, weinen, handeln kann.“ So beschreibt das die Theologin Dorothee Sölle. Und Dorothee Sölle darf natürlich nicht fehlen in dieser letzten Predigt!
„Gnade ist wie ein Raum, in dem man atmen, sich bewegen, lachen, weinen, handeln kann.“
Gott hat diesen Raum eröffnet. Unterwegs mit seinem Volk durch die Wüste, immer herausgefordert durch Vertrauenskrisen, zeigt sich Gott am Berg Sinai als “barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue.“ (Ex. 34,6). In diesen „Wahrheitsraum des Alten Testaments“, so nennt das der Theologe Frank Crüsemann, bettet sich das Neue Testament!
Gott hat diesen Raum eröffnet – und Gott lässt diesen Raum der Gnade in einem besonderen Licht erstrahlen. Um Ihnen das nahezubringen, liebe Gemeinde, nehme ich Sie mit zur Grabstätte meiner Eltern.
„Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir! “ Diesen Psalm beteten wir heute als Wochenpsalm. Er ist in Gänze in die eine Hälfte des Grabsteines eingraviert. Nicht auf der Vorderseite, sondern auf der Innenseite. Es erinnert an eine Thorarolle. Ebenfalls auf der Innenseite der anderen Steinhälfte, steht der Johannesprolog, die ersten Verse des Johannesevangeliums. „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“
Der Abstand zwischen den beiden Texten, der Abstand zwischen den beiden Steinhälften bildet ein Kreuz. Das Tageslicht scheint hindurch.
Ein Kreuz aus Licht. Ein Raum aus Licht.
Der Ruf des Menschen, der Schrei der Seele nach Gott, bleibt nicht ungehört. Gott wird Mensch.
Der Schrei Jesu am Kreuz bleibt nicht ungehört: Gott öffnet einen Raum voll Licht. An jenem Morgen am Grab, am leeren Grab.
Den Raum der Gnade hat Gott eröffnet. Vor langer Zeit. Und lässt ihn in diesem besonderen Glanz erstrahlen. Für uns. Bis heute.
 
Orgelmeditation „Morgenglanz der Ewigkeit“ EG 450 mit Textlesung   
 
„Gnade ist wie ein Raum, in dem man atmen, sich bewegen, lachen, weinen, handeln kann.“
Jesus lädt ein, diesen Raum zu betreten und zu gestalten. In seiner Feldrede – nachzulesen im 6. Kapitel des Lukasevangeliums - sagt er: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“
Was dann kommt an Einzelermahnungen, hört sich zunächst an wie ein Forderungskatalog erster Güte: „Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Gebt, so wird euch gegeben.“ Und in einem Bildwort erhält jede und jeder den Hinweis: „Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und dann den Splitter aus dem Auge deiner Nächsten.“
 
Liebe Gemeinde, statt einen Forderungskatalog entdecke ich in diesen bekannten Worten konkrete Gestaltungsideen für den „Raum der Gnade“!
Er ist ein Debattierraum!
Die großen Themen von Recht und Gerechtigkeit, Frieden, Menschenwürde, Schöpfung – das viele, was uns derzeit bedrängt und das Herz schwer macht im Blick auf unsre Welt im nahen und im fernen – das können wir hier miteinander diskutieren.
Und müssen es auch! Denn der „Raum der Gnade“ entbindet uns nicht davon, ethische Maßstäbe zu erarbeiten und anzulegen an gesellschaftliche und kirchliche Entscheidungen.
 
Verlogen ist ein weichgespülter Raum der Gnade, wenn nicht auch eingefordert wird, dass Vergehen wie zum Beispiel Missbrauch geahndet werden. Die ForuM Studie hat deutlich gemacht, dass vielerorts verzichtet wurde, Unrecht beim Namen zu nennen und aufzudecken. Verharmlosend weitherzig gegenüber den Tätern, auf Kosten der Betroffenen.
Gottes Gnade besteht nicht in einem Verzicht auf die Durchsetzung von Recht und Gerechtigkeit.  Das erkennen wir, wenn wir in diesen Debattierraum eintreten und diese Themen diskutieren!
 
Auch alle Herausforderungen im Blick auf die Zukunft unserer Erde, alle Herausforderungen des Klimawandels haben hier ihren Platz.
„Welche Räume brauchen wir, unsre Kinder, unsere Enkelkinder, um kirchliches Leben in Zukunft gestalten zu können!?“ Manche erinnern sich: Das war unsere Leitfrage bei der Diskussion um die Bewertung kirchlicher Gebäude. Wenn in kirchlichen Räumen darum gerungen wird, wie wir als Kirche im Verbund mit anderen Menschen und Initiativen der Klimakatstrophe entgegenwirken können – dann ist ein solcher ganz konkreter Raum im Sinne eines Debattierraums gut genutzt und zukunftsträchtig.  
 
Der Raum der Gnade ist zudem eine Sehschule!
„Fang bei dir an! Sieh nicht auf die anderen und prangere ihre Unbarmherzigkeit an. Sieh nicht auf andere, ob und wie sie verdammen. Sieh auf dich!“ Das ist die Haltung, die Jesus denen zutraut, die ihm nachfolgen. Damals und heute.
„Fang bei dir an! Sieh nicht auf die anderen und prangere ihre Unbarmherzigkeit an. Sieh nicht auf andere, ob und wie sie verdammen. Sieh auf dich!“
 
Es ist einfach. Es ist einfach eingespielt. Vermutlich kennen wir das alle: Ich erwarte good will zunächst von anderen. Dass sie mir entgegenkommen, mir Freundlichkeit schenken, Verständnis. Wenn das nicht kommt, habe ich auch keinen Grund in Vorleistung zu gehen.
 
Doch! Den Grund gibt es eben. Das stellen wir hier fest, durch die Worte Jesu. „Fang bei dir an. Sieh auf den Balken in deinem Auge!“ Das hat Jesus als konkretes Bild parat, um seinen Richtungswechsel, seine Sehschule plastisch zu machen. Mit einer Prise Humor verheißt er uns zudem, uns: deren Augen voll sind mit Splittern und Balken, dass wir sonst tüchtig in die Grube fallen.
 
Aber es geht eben anders in diesem Raum der Gnade.  Jesus hat das Vertrauen in uns, dass wir anfangen können, aus gutem Grund: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“
Der Raum der Gnade, ein Debattierraum, eine Sehschule und ein geistlicher Raum!
Diese drei Gestaltungsformen lege ich Ihnen heute ans Herz. Diskutieren von Sachthemen, Nachdenken über unsere innere Haltung und Vertrauen eben: auf Gottes Gnade!
Vor allem ist das Ja Gottes uns und der Welt zugesprochen!  
 
„Kyrie Eleison! Herr, erbarme dich!“
Ja, Gott erbarmt sich.
Er schenkt uns den Zuspruch der Gnade.
Er öffnet den Raum der Gnade.
Er flutet ihn mit dem Licht des Ostermorgens.
Lasst uns hineingehen und weitergehen, ihn gestalten,
jede, jeder am eigenen Ort, dem alten und dem neuen.
 
Vertraut auf Gott: „Barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue.“
Amen.